Warum ich ENDSTATION BIBERACH heute ganz anders schreiben würde.
Zugegeben: Dieser Krimi war der, welcher mir die meisten Zuschriften bescherte. Vor allem von Leserinnen. Und sehr viele von Betroffenen. Und genau das ist der Grund, warum ich heute eine andere Form wählen würde. Zu meiner Verteidigung muss ich anführen, dass es vor und während des Schreibens nahezu unmöglich war, mit Opfern häuslicher Gewalt in Kontakt zu kommen. Erst nach dem Erscheinen nahmen doch einige Opfer Kontakt mit mir auf. Am meisten habe ich mich über drei Damen gefreut, die mein Büchlein tatsächlich zum Anlass nahmen, sich von ihrem schlagenden Partner zu trennen, und es somit geschafft haben, der häuslichen Gewalt ein Ende zu setzen.
Sie haben verstanden, dass die Täter in Wirklichkeit kleine, absolut bedeutungslose Menschen sind. Vollkommen wertlos. Die Wiener haben einen wunderbaren Ausdruck dafür: Ein Z’Niachterl. Wörtlich fast nicht zu übersetzen, bedeutet es sinngemäß: Ein Nichts, für den/die jegliche Beachtung komplett sinnlos ist, weil es dieser Mensch nicht wert ist.
Aber ich hätte das viel stärker in den Vordergrund rücken müssen. Und ich hätte nicht den starken und souveränen Profiler Ludwig Hirschberger den Brutalo zur Strecke bringen lassen dürfen, sondern hätte das die Lea machen lassen müssen, seine getrennt von ihm lebende Frau. Hätte die Stärke dieser bewundernswerten Frau auf den Täter ansetzen und ihn seiner eigenen Lächerlichkeit preisgeben müssen. Und ich hätte die Handlung viel weniger aus der Sicht des Ermittlers, sondern vielmehr aus der Sicht des Opfers schildern müssen.
Zu meiner Entschuldigung muss ich sagen, dass sich, wie oben beschrieben, meine Recherchearbeiten auf Nachforschungen bezogen, die fast ausschließlich den Blick von außen zeigten. Erst nach Erscheinen lernte ich wirklich den Blick von Innen. Und habe die drei Phasen kennen gelernt.
Phase: 1 Liebe.
Viele -zu viele- Opfer (ja- es gibt auch männliche Opfer, aber die sind in krasser Minderheit) glauben an die Kraft der Liebe. Hoffen, dass sie mit ihrer Liebe die Beziehung wieder in geordnete Bahnen bringen können. Zu spät bemerken sie, dass das ein fataler Irrtum ist. Zu sehr vertrauen sie den Schwüren des jeweiligen Partners, dass das ganz ehrlich tausendprozentig nie mehr vorkommt. Und dass es dann regelmäßig wieder vorkommt. Bis zum nächsten Schwur. Es gibt leider eine Regel, die besagt: Wer einmal zuschlägt, schlägt immer wieder zu. Mehr dazu am Schluss dieser Info.
Phase: 2 Scham.
Irgendwann glaubt das Opfer nicht mehr an die rettende Kraft der Liebe. Dann kommt die Phase der Scham. Das Opfer schämt sich zuzugeben, dass es jetzt zum Opfer geworden ist, dass es alle Warnungen in den Wind geschlagen hat. Dass ausgerechnet ihm so etwas passiert. Die Scham ist so stark, dass sich das Opfer schämt, sich an eine Person ihres Vertrauens zu wenden. Sogar nunmehr sichtbare äußere Zeichen häuslicher Gewalt werden herunter gespielt und als eigene Tollpatschigkeit dargestellt.
Phase: 3 Angst.
Immer brutaler werdende Attacken lassen das Opfer verzweifeln. Zur Gewalt kommen jetzt Drohungen, weil der/die Täter*in jegliche Hemmungen abgelegt hat. Worte wie: „Wenn Du dich an irgendwen wendest überlebst Du das nicht, überleben das die Kinder nicht. Ich weiß immer wo Du gerade bist. Tatsächlich scheuen sich solche Täter nicht, so genannte Tracker auf dem Handy des Opfers zu installieren. Kontrolle über das Opfer zu gewinnen, wird immer wichtiger, gerät immer mehr in den Mittelpunkt. Es bedarf nunmehr auch keines Anlasses mehr, brutale Gewalt auszuleben; es genüg oft der bloße Anblick des Opfers. Entschuldigungen, oder Schwüre wie in Phase eins gibt es schon lange nicht mehr. Oftmals werden auch Nachbarn, die ungewollt Zeuge der Dramen werden, mit wüsten Drohungen überzogen. „Ich weiß, auf welche Schule Ihre Kinder gehen!“
Eine Polizistin, die sich mit dem Thema tagtäglich beschäftigen muss, hat mir den wichtigsten Kernsatz bei einer Lesung einmal gesagt: „Wenn Sie noch einmal einen Krimi über häusliche Gewalt schreiben, bitte schreiben Sie folgenden Satz hinein: „Am besten ist es, das Opfer geht nach den ersten Schlägen sofort zur Polizei. Es gilt nämlich folgende Regel: Wer einmal schlägt, schlägt immer wieder.“
Dem ist nichts hinzuzufügen, denn das haben mir auch viele Opfer in Ihren Zuschriften mitgeteilt. Denen möchte ich im Übrigen versichern, dass ich mich an den -zumeist- in den Zuschriften geäußerten Wunsch gehalten habe und alle Zuschriften nach dem Lesen vernichtet habe (Obwohl mir das in einigen Fällen ziemlich schwer fiel und ich die Briefe am liebsten der Polizei übergeben hätte). Aber es zeigt auch, dass das Trennen, das Anzeigen bei der Polizei hätte schon in Phase eins stattfinden müssen. Doch wir alle wissen, wie viel wahre Liebe ertragen kann.