Er läuft, aber er fährt nicht!

Irgendwann, in den Jahren 1960,61 62. Biberach Adenauerallee, damals noch Stadionallee genannt. Wieland-Gymnasium.

Der zweite Weltkrieg war gerademal 15 Jahre vorbei und am WG herrschte akuter Lehrer-Mangel. Kein Wunder, hatte doch dieser zweite Weltkrieg viele Opfer gefordert – auch unter den Lehrern. So kam es, dass wir entweder sehr junge Lehrer hatten, oder sehr Alte, was mir aber erst in der Retrospektive aufgefallen ist. Damals war uns das schlichtweg egal. Lehrerinnen waren noch relativ selten. Ich hatte eine Geographielehrerin, Frau Bock und eine Kunstlehrerin, Frau Doktor Slevogt.

Ein weiterer Fachlehrer war ein älterer Herr, der schon auf die 70 zuging und ob des Mangels an Lehrkräften wieder eigestellt wurde und mit der Meute an Bengeln und Lausbuben hoffnungslos überfordert war. Schließlich würden diese Bengels in 6-8 Jahren das Rückgrat der in Biberach legendären A.P.O. bilden. (ich war da allerdings nicht dabei; nicht aus politischen Gründen, sondern, weil ich nicht mehr in Biberach wohnte).

Um diesen Fachlehrer dreht sich diese Geschichte. Leider habe ich den Namen dieses Mannes nicht mehr auf dem Radar, was für den Inhalt aber kaum eine Rolle spielt. Der gute Mann war ein ausgeprägter Choleriker und seine Ausbrüche waren legendär. Brüll-Attacken, fliegende Kreidestücke, oder gar Schwämme waren keine Seltenheit. Und auch Ohrfeigen -damals noch nicht geahndet- waren an der Tagesordnung. Natürlich wurde er zum Hauptangriffspunkt unserer Lausbuben-Streiche.

Bekleidet war er stets mit einem dunkelblauen Anzug, der vor vielen Jahren einmal sehr elegant gewesen sein musste. Dazu ein Hemd, das vor vielen Jahren einmal sehr weiß gewesen sein musste. Das Ganze begleitet von einer Krawatte, die ebenfalls vor vielen Jahren einmal leuchtend rot gewesen sein musste und deren Knoten vor höchstens drei Jahren zum letzten Mal frisch geknotet wurde.

Er fuhr ein ebenso ehedem rot leuchtendes Goggomobil. Coupé, worauf er besonderen Wert legte. Direkt vor dem WG gab es ein Parkverbot, aber vis à vis durfte man parken. Und so stand das ehedem rot leuchtende Goggo -Coupé- tagtäglich in der Stadionallee.

Wie so oft in den frühen 60-er Jahren kam eines Tages ein Liebherr-Kran und es wurde ein neues Haus gebaut. Mehrfamilienhäuser waren es zumeist, denn die Wohnungsnot in der Stadt war groß. Klar, dass überall Ziegelsteine herumlagen. Die waren in der Zeit viel kleiner als heutzutage, sonst wäre das Nachfolgende nie geglückt:

Vier Mann hoben das Goggomobil -Coupé hoch und unter den Wagen; dort wo man normalerweise den Wagenheber ansetzt wurden diese Ziegelsteine so platziert, dass die Räder des Goggo’s ungefähr zwei Zentimeter in der Luft hingen. Wirklich nur zwei Zentimeter. Wir versteckten uns und beobachteten die Szenerie. Irgendwann einmal kam unser Choleriker aus dem Gebäude, öffnete die Tür und warf seine Schultasche -mürrisch wie immer- auf den Beifahrersitz.

Danach setzte er sich in den Kleinwagen, startete den Motor, legte einen Gang ein und gab Gas. Alleine das Goggomobil -Coupé bewegte sich nicht. Konnte es ja auch nicht, denn die Räder hingen

wegen der unterbauten Ziegelsteine ja in der Luft. Zunächst einmal blickte der Fahrer nur sehr, sehr verwundert drein. Aber wie es sich für einen Choleriker gehört, stieg er nicht aus, um nach dem Rechten zu sehen, sondern gab immer noch mehr Gas mit seinem Goggomobil. Sein Gesicht verfärbte sich dabei so sehr, dass man nicht mehr erkennen konnte, ob nun das Goggo roter war, oder der Kopf unseres Lehrers. Zwischenzeitlich bekamen wir Angst, der Motor des kleinen Zweizylinders würde explodieren.

Glücklicherweise kam der Hausmeister der Schule, Herr Schott -an seinen Namen kann ich mich noch genau erinnern- und fragte, warum der gute Mann den Motor so aufheulen lasse und nicht losfahren würde. Eine Frage, die schlagartig unser Angstobjekt wechselte, denn jetzt ängstigten wir uns weniger um den Motor des Goggo, als um den Gesundheitszustand unseres Lehrers, jetzt war es sein Kopf, dem Explosionsgefahr drohte. Er brüllte den guten Herrn Schott an:

„Dieser Scheiß-Bock: Er läuft, aber er fährt nicht!“

Schnell fand Herr Schott die Ursache des Übels heraus. Wieso allerdings meine Kumpels und ich sofort dieser Tat bezichtig wurden, war für uns absolut nicht nachvollziehbar.

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