Die schwarze Lies
Die schwarze Lies und der Malefizschenk
Landauf, landab wird derzeit vom schwarzen Vere, oder Veri gesprochen, dem berüchtigten Räuberhauptmann. Kein Wunder: Jährte sich doch 2019 sein spektakulärer Tod noch während der Untersuchungshaft im Ehinger Tor zu Biberach durch einen Blitzschlag zum 200. Mal.
Dass eine ganz andere Person aber viel effizienter, raffinierter, gerissener und schlauer zu Werke ging, ist den Wenigsten bekannt. Die „schwarze Lies“, eine unglaublich erfolgreiche „Taschenzieherin“ trieb noch lange vor dem Vere ihr Unwesen im Oberland. Ihr Ende war nicht so spektakulär, aber nicht minder tragisch.
Um aber die wirkliche Tragweite der Taten der Elisabeth Gaßner zu erkennen, müssen wir uns mit einem Mann befassen, der am Ende des 18. Jahrhundert ebenfalls Berühmtheit erlangte: Graf Friedrich Schenk von Castell aus Oberdischingen nahe Ehingen. Das zu dieser Zeit vorderösterreichisch geprägte Oberschwaben war ein Fleckenteppich aus Grafschaften, Klosterbesitztümern, reichsstädtischen Gebieten und deren Spitälern. Die Jauner und Malefizen, wie man die Kriminellen zu dieser Zeit bezeichnete, hatten leichtes Spiel: Oft genügten ein paar Meter, um in ein anderes Hoheitsgebiet zu gelangen, um sich dort vor dem Zugriff zu entziehen. Dem trat die Obrigkeit entgegen, in dem sie dem Grafen das Recht übertrug, die Jauner und Malfizen auf all diesen Gebieten dingfest machen, was ihm den Namen „Malefizschenk“ einbrachte. Er erbaute in Oberdischingen das erste Zuchthaus in Deutschland. Natürlich trachteten die Jauner ihm nach dem Leben, was aber nie gelang. Aber immerhin zündeten sie sein Schloß in Oberdischingen an.
Und genau diesen Malefizschenk bestahl die schwarze Lies bei ihrer Aufsehen erregendsten Tat:
Als der Russische Großfürst den König von Württemberg im Jahr 1782 in Ludwigsburg besuchte, war auch der Malefizschenk geladen. Damals üblich, wurde bei Hofe um hohe Beträge gespielt. Als der Graf die Kapelle nach einem Gottesdienst verließ, spendete er einen ganzen Taler, was die Aufmerksamkeit der schwarzen Lies erregte. Sie stellte sich neben ihn und zog ihm das gesamte Geld aus der Tasche. Die Beute war beträchtlich: 1.400 Gulden. Mit dem heutigen Gegenwert könnte man in bester Stadtlage eine Villa errichten. Die Gendarmen des Königs spekulierten bald, dass so einen Raub nur die schwarze Lies begangen haben könne. Überdies wurde sie in der Nähe der Kapelle gesehen. Das Ende vom Lied: Die schwarze Lies wurde festgenommen. Und der Malefizschenk schwor Rache.
Fünf Jahre später ließ er Elisabeth Gaßner, Mutter von sieben Kindern, von denen allerdings zu diesem Zeitpunkt nur noch vier lebten, durch das Schwert in Oberdischingen richten. Zuvor hatte sie Diebstähle in Höhe von knapp 6000 Gulden gestanden, was nach heutigem Wert mehrere Millionen Euro darstellen würde. Die gesamte Bande des schwarzen Vere hat nur einen Bruchteil dieser Summe erbeutet. Zu ihrer Entlastung gab sie an, sie hätte dies für ihren Mann tun müssen. Dieser hätte das ganze Diebesgut in den Wirtshäusern versoffen, verfressen und verspielt. So ganz heilig war die in Wiblingen bei Ulm Beheimatete allerdings nicht. Von Mithäftlingen wurde sie wie folgt beschrieben:
„Die Gaßnerische, oder auch schwarze Lies genannt, war ein Weib mit 38 Jahren, langer, buckleter Statur, langlecht, schwarz, einem etwas dupfeten Gesicht, worin ein paar Warzen seyen. Schwarze Haare, Augenbrauen, eine große Nase und ein ebenso großes Maul. Sie währe ein Ausbund aller Diebinnen und Huren und besonders im Sackgreifen wohl erfahren, welches Handwerk sie auch andauernd betreiben würde. Besonders hervor tun würde sie sich immer beim Blutfest in Weingarten, wo sie jedes Jahr manche hundert Gulden hohle.“
Aber ihr Gebiet betraf nicht nur Oberschwaben: Der Vagantin wurden auch Straftaten beim Schäferlauf in Markgröningen, beim Fischerstechen in Ulm, oder dem Katharinenmarkt in Sulzberg/Vorarlberg nachgesagt.
Als sie einen letzten Wunsch äußerste, ihr jüngstes Kind noch einmal sehen zu dürfen, zeigte der Malfizschenk Empathie und erfüllte der schwarzen Lies diesen Wunsch.
Kurze Anmerkung: Der Malefizschenk hatte in Oberdischingen das erste Zuchthaus in ganz Deutschland errichtet und war mutmaßlich ein Ahnherr des Hitler-Attentäters Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Als Oberschwaben zwischen 1802 und 1810 zu Württemberg kam, verlor er das Recht, Jauner und Malefizen zu jagen. Das Königreich Württemberg wollte seine Aufsichtsgewalt selbst ausüben. Sie taten dies jedoch sehr nachlässig, was dann die späteren Banden, wie den „Schwarzen Vere“ auf den Plan rief.